„Ich sehe die AWO als eine große Familie“

Im Interview: Seit fast 60 Jahren setzt sich der Steelenser Klaus Johannknecht für soziale Gerechtigkeit ein. Anfang Juli zieht er sich als Vorsitzender des AWO Kreisverbandes Essen zurück

Klaus Johannknecht kann mit seinen fast 80 Jahren auf ein bewegtes Leben im Dienste der sozialen Gerechtigkeit zurückblicken. Anfang Juli zieht er sich aus der Spitze des Essener Kreisverbandes der AWO zurück. Hier spricht er über seine Entwicklung, schöne und weniger schöne Momente in seinem Wirken und seine Zeit an der Spitze der AWO.

 

Über 40 Jahre Mitgliedschaft in der AWO, fast 60 in der SPD: Das sind schon mehr als nur Hinweise auf soziales Engagement. Wie kam das?

Klaus Johannknecht: „Ich komme selbst aus kleinen, aber geordneten Verhältnissen. Mein Vater war Bäckermeister und ich selbst habe im Jahr 1956 eine Lehre zum Bauschlosser gemacht. Die Grundlagen waren gelegt, wenn man so will. Für die Initialzündung hat dann mein Major bei der Bundeswehr gesorgt. Er war Mitglied bei der SPD und hat sich richtig für die ,kleinen Leute‘ eingesetzt. Das war damals für mich sehr inspirierend und hat mich stark geprägt.“

 

Warum?

Klaus Johannknecht: „Das war ein bisschen so, als wäre der Groschen gefallen. Ich habe begriffen, dass der Kit, der eine demokratische Gesellschaft zusammenhält, der Ausgleich zwischen arm und reich, zwischen Bevorteilten und Benachteiligten ist. Nur so wird eine Demokratie nachhaltig aufgebaut, gestärkt und auch weiterentwickelt. Das ist bis heute meine tiefste Überzeugung geblieben.“

 

Für soziales Engagement gibt es viele Ansatzpunkte. Warum ist die Wahl auf die AWO gefallen?

Klaus Johannknecht: „Der Weg von der SPD zur AWO ist ja kurz, nicht nur durch Marie Juchacz, die zu den Gründer*innen der AWO in Deutschland gehörte und für die SPD Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung war. AWO und SPD stehen für dieselben Grundsätze, nämlich Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Und das sind auch meine.“

 

Logischerweise waren Sie auch ein sehr politischer Vorsitzender der AWO in Essen.

Klaus Johannknecht: „Das kann man so sagen. Ich habe mich immer bemüht, das gesellschaftspolitische Profil der AWO zu schärfen. Ich halte das für eine der wichtigsten Voraussetzungen für das weitere Bestehen des Verbandes, in Essen, in NRW, aber auch im Bund. In Essen habe ich zusammen mit Geschäftsführer Oliver Kern zum Thema ,Arm und reich‘ die Sonderkonferenz ,Wir machen Druck‘ veranstaltet. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich 2019 bei der Erstellung des Grundsatzprogramms in Berlin mitwirken durfte. Mein Traum ist ein zukünftiger AWO Verantwortlicher oder eine Verantwortliche, der oder die an den wichtigen gesellschaftspolitischen Diskussionen öffentlich teilnimmt und tatsächlich die praktische Perspektive der Nicht-Privilegierten vertritt. Das sind längst nicht mehr nur die armen Teile der Gesellschaft. Es gibt so viele Menschen, die im Berufsleben stehen und heute oder in der Zukunft trotzdem nicht ihre Lebensqualität sichern können. Daran darf keiner vorbeigucken. Und für die soll die AWO ein Anwalt sein.“

 

Wie sieht Ihre Bilanz als Vorsitzender im Kreisverband aus?

Klaus Johannknecht: „Die AWO in Essen ist Deutschlands größter Kreisverband und war beim meinem Antritt als Vorsitzender zwar stark, aber es mussten gemeinsam mit dem neuen Geschäftsführer Oliver Kern Entwicklungen für die Zukunft eingeleitet werden. Wir haben die Abteilung Liegenschaften weiterentwickelt und die Service Gmbh mit den haushaltsnahen Dienstleistungen, die Kantine ,Casino im Landessozialgericht‘ und die Verpflegung in einigen Essener Schulen als neues Arbeitsgebiet etabliert. Das werden wichtige Eckpfeiler für die Arbeit der AWO. Außerdem wurde sowohl die aufwändige Umstellung unserer sechs Senioreneinrichtungen auf Einzelzimmer sehr gut gemeistert, als auch der lange fällige Umzug in ein modernes Verwaltungsgebäude am Holsterhauser Platz. Hier hat auch unsere ,AWO Siftung‘, die für die Unterstützung unserer Arbeit sehr wichtig ist und in Zukunft sein wird, ihre Heimat gefunden. Für unsere vielen Ehrenamtlichen, die traditionell unsere Basis sind, habe ich versucht, immer verbindendes Element zu sein. Die Zahl ist mit 5600 Aktiven stabil geblieben. Nicht schlecht für einen Kreisverband mit einer hohen Altersstruktur. Das stimmt mich zufrieden.“

 

Und was unzufrieden?

Klaus Johannknecht: „Dass wir unsere 100-Jahr-Feier wegen Corona ausfallen lassen mussten, ist eine Leerstelle, die mich wurmt. Zu unseren Ehrenamtlichen kommen noch über 1500 Beschäftigte hinzu – für alle wäre es eine tolle Sache und ein verbindender Moment gewesen. Ich sehe die AWO als eine große Familie. Wir haben zwar so gut wie möglich versucht den Kontakt zu halten, aber das ist nicht dasselbe. Das müssen wir nachholen.“

 

Was waren denn schöne Momente?

Klaus Johannknecht: „Das Leben als Vorsitzender der AWO ist voller Begegnungen mit Menschen, das ist der schönste Teil. Und wenn man in den Ortsvereinen jemanden ehrt, der sich 30, 40 oder sogar noch mehr Jahre mit seiner Zeit und seinem Engagement eingebracht hat, dann geht das schon unter die Haut. Ich könnte noch viel mehr aufzählen, was mich gefreut hat. Eines möchte ich noch unterstreichen: Ich bin als Vorsitzender und auch schon davor bei meiner Arbeit hervorragend von den Medien begleitet worden. Dafür möchte ich auch Danke sagen.“

 

Was machen Sie jetzt mit ihrer freien Zeit?

Klaus Johannknecht: „Meine Tennis-Rückhand bei meinem Stammverein TC Grün-Weiß Kray verbessern und mich noch mehr um meine Enkelin kümmern. Aber auch wenn jetzt ein Teil meines Schaffens zu Ende geht, bleibe ich der AWO aktiv erhalten. Ich konnte ein großes Netzwerk aufbauen und werde mich weiterhin um die Pflege dieser so wichtigen Kontakte für die AWO kümmern. Meinem/meiner Nachfolger*in wünsche ich ein glückliches Händchen und viel Erfolg bei allen zu bewältigenden Aufgaben.“

 

 

 

Die AWO und Klaus Johannknecht

Mitglied seit 1976

Vorsitzender des AWO Ortsvereins Steele von 1978 bis 2018

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande für soziales Engagement 2004

Stellvertretender Vorsitzender im Kreisverband Essen von 2008 bis 2016

Vorsitzender im Kreisverband Essen von 2016 bis 2021

Mitorganisation der Essener Sonderkonferenz „Wir machen Druck“ zum Thema „Arm und reich“

Würdigung seiner Arbeit im Jahr 2018 mit der Marie-Juchacz-Medallie, der höchsten Auszeichnung der AWO in Deutschland

Mitarbeit an der Erstellung des Grundsatzprogramms des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt 2019 in Berlin

Autor Markus Grenz
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