AWO bietet kostenfreie Sprachkurse für ihre Pflegekräfte

„Deutsch in der Pflege“ hilft beim Umgang mit Bewohner*innen und Kolleg*innen

Verständnisprobleme in der Pflege? Das kommt mitunter vor, nicht bei jedem Teammitglied ist die Muttersprache Deutsch. Aber: Ob in der Kommunikation mit den Senior*innen oder in kollegialem Austausch – Sprechen und Verstehen sind wesentliche Bestandteile im Beruf. „Das packen wir an“, dachte sich Gereon Unnebrink, Referatsleiter stationäre Seniorenarbeit bei der AWO Essen und initiierte in Zusammenarbeit mit der AWO-Familienbildung und Expertin Agnieszka Krause kostenfreie Sprachkurse, ein offenes Angebot für alle Mitarbeitenden in den fünf großen Seniorenzentren der AWO in Altenessen, Haarzopf, Holsterhausen, Katernberg und Überruhr. Mit stetig wachsendem Erfolg.

Wozu auch sicherlich ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Lehrenden gehört – und bei Aleyna Houladi hatten die Organisator*innen dies ganz bestimmt. Wir waren bei einem ihrer Kurse dabei: „Wir haben beim letzten Mal über den Imperativ, also die Befehlsform gesprochen. Wo liegt denn der Unterschied zwischen ,Komm‘ herunter‘ und ,Kommen Sie herunter‘?“ fragt Aleyna Houladi in die Runde. Schritt für Schritt pirscht sich die Lehramtsstudentin und Sprachlehrerin an die verschiedenen Fallstricke der deutschen Sprache heran. Duzen oder Siezen? Wer ist der oder die Angesprochene? Und dann stellt sich ja auch noch die Frage nach Singular und Plural, Einzahl und Mehrzahl, und auch noch die nach der Groß´- und Kleinschreibung. Eine nicht ganz einfache Sache, diese deutschen Personalpronomen. Immer wieder animiert die Dozentin ihre Schüler*innen während der Übungen, miteinander zu sprechen.

„Das ist mir sehr wichtig. In ihrem Pflegealltag kommunizieren sie ja auch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern oder den Kolleginnen und Kollegen“, erläutert Aleyna Houladi. Kursteilnehmerin Samar Elhabbak gibt ihr Recht. „Ältere Menschen sprechen oft eine ältere Sprache, das ist anders als im Alltag. Dazu kommt aber noch mehr: Aleyna hat auch Eltern, die nicht aus Deutschland kommen. Sie versteht unsere Probleme, kann uns erklären, wie Deutsche denken und uns sagen, was geht und was nicht“, schildert die Ägypterin.

Als Dozentin ist Aleyna im Friedrich-Ebert-Zentrum in Altenessen und im Louise-Schroeder-Zentrum in Katernberg aktiv. Jeweils ein Mal in der Woche unterrichtet sie eineinhalb Stunden in den Häusern. Das Niveau passt sie dem Wissensstand der Teilnehmer*innen vor Ort an, im „Friedrich“ geht es schon kniffeliger zu, da werden auch Fachtermini und ganz spezifische Formulierungen gepaukt, heute im Katernberger „Louise“ sind es eher die Basics. Und auch die haben es in sich. Aleyna legt sich mächtig ins Zeug, nutzt auch die Lehrbücher, aber sorgt zudem für Unterhaltung und Abwechslung. Sie fördert die Interaktion unter den Teilnehmer*innen, auch Rollenspiele gehören zu den Mitteln, setzt auch mal Pantomimen-Spiel ein. Sie schildert: „Die Teilnehmenden kommen nicht selten direkt von ihrer Arbeit. Da muss man das lebendig gestalten“, führt sie aus.

Gereon Unnebrink, Referatsleiter stationäre Seniorenarbeit bei der AWO Essen, wird das sicher nicht ungern hören. Wahrscheinich haben er und sein Team es sich in dieser Form oder zumindest sehr ähnlich auch gedacht. „Die Pflege war schon immer bunt und diese Entwicklung hat sich mit dem Fachkräftemangel in den vergangenen Jahren noch intensiviert. Wir verpflichten mittlerweile verstärkt Menschen unterschiedlicher Herkunft“, erläutert er. Viele Menschen kommen als Pflegeassistent*innen oder Pflegefachassistent*innen, Teilzeitkräfte, Aushilfen oder beginnen ihre Ausbildung bei der AWO. Mit MediTech Recruitment, einer privaten Initiative von indisch-stämmigen Ärzten aus Bochum, werden sogar gezielt Auszubildende aus Indien verpflichtet, die in 4er-WGs zusammenleben und sich im Alltag und im Lernen unterstützen. „Das klappt ausgesprochen gut. Die jungen Menschen aus Kerala in Südindien sind hoch motiviert und gut vorgebildet. Die Herausforderung ist eben die Sprache, da kommt es mitunter zu Missverständnissen. Wir haben ältere Menschen, sie hören manchmal schlecht oder sind selbst nicht immer so gut zu verstehen. Und sie benutzen häufig auch Begriffe, die nicht mehr alltäglich sind“, weiß Unnebrink.

Wie kann man helfen? Die Antwort ist schnell gefunden. Gereon Unnebrink: „Wir haben niederschwellige Angebote für Sprachkurse gebraucht, die auf die unterschiedlichen Bedarfe unserer Mitarbeitenden zugeschnitten sind. Und sie sollten kostenfrei für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein, auch die Bücher stellen wir“, erläutert der Referatsleiter, der für die Idee das Team der Abteilung „Bildung“ bei der AWO Essen gewinnen konnte – hier werden schon seit vielen Jahren unterschiedlichste Sprachkurse angeboten. Insgesamt nur eines müssen die Teilnehmenden neben ihrer Bereitschaft beisteuern, und das ist die Zeit. Alle besuchen die Kurse freiwillig und in ihrer Freizeit.

16 Sitzungen gehören zu den ein Mal in der Woche stattfindenden Kursen, an jeden vollendeten Kurs schließt sich nahtlos ein neuer an, sodass neue Mitarbeitende jederzeit quer in einen Sprachkurs einsteigen können. „Wir wollen unsere Mitarbeitenden besser machen und ich glaube, das gelingt uns mit den Sprachkursen auch sehr häufig“, lobt Unnebrink die Organisator*innen der Abteilung „Bildung“ und die engagierten Dozent*innen.

Kursteilnehmerin Samar Elhabbak gibt ihm Recht: „Ich kann zwar nicht an jeder Kursstunde teilnehmen und manche Dinge vergesse ich auch wieder – aber ich merke deutlich, wie sehr der Kurs mir hier weiterhilft.“

Autor*in Markus Grenz
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