Ein Leben mit der AWO

Birgit Langer war über 40 Jahre beruflich und ehrenamtlich für die AWO tätig. Nun geht die ehemalige Leiterin des Zentrums 60plus Alte Kirchstraße in Ruhestand

„Ja, das ist ein sehr schöner Abschluss des Berufslebens. Es hat sich ja auch ein bisschen ein Kreis für mich geschlossen. Aber das war auch sehr anstrengend und in meinem Leben immer so, dass ich etwas für andere gemacht habe – und jetzt möchte ich etwas für mich tun.“ 41 Jahre lang war Birgit Langer beruflich für die AWO tätig, zuletzt als Leiterin des Zentrums 60plus Alte Kirchstraße in Katernberg. Nun tritt sie ihren Ruhestand an und hat sich dafür auch schon einiges vorgenommen. Dass ihr alter Arbeitgeber dabei eine Rolle spielt, davon kann man eigentlich ein Stückweit ausgehen, denn Mitglied in der und ehrenamtlich aktiv für die AWO ist die gebürtige Stoppenbergerin sogar schon seit 45 Jahren. Wie sehr so ein sozialer Verband die Lebenslinien eines Menschen prägen kann und umgekehrt, dafür ist sie ein gutes Beispiel. Es ist nicht nur ein Kreis, der sich für sie geschlossen hat – bei genauem Hinschauen sieht man gleich mehrere.

Um die Biografie von Birgit Langer ein bisschen zu verstehen, dafür muss man im Elternhaus ansetzen. Dies steht in Stoppenberg und war so klassisch sozialdemokratisch geprägt, wie es das wohl fast nur im vergangenen Jahrhundert gab. Vater Friedhelm war bis zu seinem Tod 2021 im Stadtbezirk VI und weit darüber hinaus bekannt als SPD-Ansprechpartner in Stoppenberg, Bezirksvertreter und Bezirksbürgermeister, langjähriger Vorsitzender und aktiver Gestalter im AWO Ortsverein Stoppenberg, Mutter Ruth ebenfalls Jahrzehnte lang und bis heute prägende Kraft bei der AWO vor Ort. Geballtes soziales Engagement, das auch Birgit mitgeprägt hat.

„Nach dem Abitur habe ich angefangen Diplompädagogik zu studieren. Ich musste nebenher arbeiten und mein Vater sagte: Frag‘ doch mal im Louise“, erinnert sie sich. Das „Louise“ ist das Katernberger Louise-Schröder-Zentrum der AWO. Direkt die erste Schicht im Jahr 1982 war prägnant. „Ich musste sofort ran. Und wie es der Zufall wollte, hatte ich direkt eine Erfahrung mit einer Bewohnerin in einer, nennen wir es mal sehr misslichen Lage. Da wusste ich: Den Job kann ich“, stellt sie fest. Schnell fühlte sie sich wohl im Haus, fand hier anstelle der Uni berufliche Erfüllung. Im September 1983 unterschrieb sie ihren ersten Arbeitsvertrag, noch als ungelernte Kraft. Im April 1984 begann sie ihre Ausbildung an der Katholischen Altenpflegeschule in Bedingrade, die praktischen Teile absolvierte sie bei verschiedenen anderen Trägern, nicht bei der AWO.

Die Mühe zahlte sich aus, mit dem Anerkennungsjahr im „Louise“ wurde vieles einfacher und im April 1985 folgte übergangslos die Festanstellung. „Aus meiner Zeit in der Pflege könnte ich ein Buch über die Bewohnerinnen und Bewohner schreiben. Das war oft so lustig und schön, manchmal aber auch traurig. Ich habe aber immer geschaut, dass ich etwas Abstand bewahre“, schildert Birgit Langer. Zwei Kinder hat sie in dieser Zeit bekommen und großgezogen, auf ein Leben außerhalb der AWO hat sie immer Wert gelegt. Doch nicht nur, schließlich gab es zusätzlich ja das Engagement im Ortsverein Stoppenberg, u.a. die Tanzgruppe mit der ehemaligen Primaballerina Christa Piroch. „Aber irgendwann wurden die Verpflichtungen dadurch zu groß, mit zwei Kindern und Beruf war das zu viel“, resümiert Birgit. Auch diese Zeit ging vorbei. In den 2000er-Jahren war sie wieder im Ortsverein aktiv. Bis sie zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Axel „ihr“ Projekt „Club 50plus“ anpackte, dafür extra mit anderen einen neuen Ortsverein in Stoppenberg, den Ortsverein Ernestine, rund um das Jahr 2010 gründete.

Das sollte sich als „Trockenübung“ erweisen, ihre dort gesammelten Erfahrungen sollte sie noch gut gebrauchen können. Doch davon später. Zunächst hatte sie 2015 die Chance, in den sozialen Dienst im „Louise“ zu wechseln und u.a. die dort angegliederte Altentagesstätte zu übernehmen. „Die Arbeit als Altenpflegerin war körperlich schon sehr anstrengend. Da war ich froh, nach mehr als 30 Jahren wechseln zu können“, berichtet sie. „Zwischenmenschlich war ich auch durch meine Arbeit in der Pflege gut vorbereitet. Technisch, organisatorisch und buchhalterisch, da musste ich schon einiges neu lernen. Allein das Kassenbuch, für das ich verantwortlich war, hat mir schlaflose Nächte bereitet. Aber ich hatte sehr nette Kollegen.“ Und hier schloss sich ein erster Kreis in ihrer beruflichen und privaten Biografie. „Ich glaube, mein Vater wäre selbst auch gerne Sozialarbeiter geworden und hat sich das für mich auch gewünscht. Mit meiner Berufswahl als Altenpflegerin war er anfangs nicht immer glücklich. In der letzten Phase meines Berufslebens war ich also in gewisser Weise in dem Job gelandet“, erläutert Birgit Langer.

Vier Jahre später, mit der Gründung der Zentren 60plus durch die Stadt, standen auch an der Alten Kirchstraße Veränderungen an. Und für Birgit Langer schloss sich ein weiterer Kreis. Hier konnte sie nicht nur ihre langjährigen Erfahrungen mit Senior*innen in der Pflege und die jüngere in Organisation und Betreuung durch die Altentagesstätte nutzen. Auch die anstehenden Aufgaben waren ihr vertraut. Das alte Profil als Begegnungsstätte für die Bewohner*innen des Heims sowie Senior*innen im Stadtteil erweiterte sich auf eine jüngere Klientel aus dem ganzen Bezirk. Interessenten miteinander bekannt machen; bei der Bildung von Interessengruppen behilflich sein; Hilfe zur Selbsthilfe geben: Mit ihrem ehrenamtlich angeeigneten Know-how im Stoppenberger „Club 50plus“ war sie im neuen Zentrum 60plus Alte Kirchstraße bestens aufgestellt. „Die Arbeit selbst war der sehr ähnlich wie die, die wir im ,Club Ernestine‘ gemacht haben. Da griff eins ins andere“, schaut sie zurück.

Und noch ein Kreis, ein privater, schloss sich dadurch in gewisser Weise auch. Als das Zentrum 60plus wegen Sanierungsarbeiten im vergangenen Jahr seine Aktivitäten ins Stoppenberger Rathaus verlegt hatte, war ihr Schreibtisch exakt derselbe, an dem Vater Friedhelm als Bezirksbürgermeister und Vorsitzender der AWO in Stoppenberg Jahrzehnte lang gesessen hatte. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man beim Aufräumen auf den gesammelten Papierkram des Vaters stößt“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Gewechselt war sie da schon längst in den Vorstand des AWO Ortsvereins Katernberg-Schonnebeck. Doch hier soll im nächsten Jahr Schluss sein. Birgit Langer wohnt jetzt auf der Margarethenhöhe und hat einen weiteren geschlossenen Kreis im Blick: Hier kann sie helfen, ein Seniorennetzwerk aufzubauen, wie sie es schon in Katernberg und in Stoppenberg/Ernestine getan hat. Doch das ist nur ein kleiner Teil ihrer Vorhaben. „Erstmal tue ich mehr für mich, werde fleißiger mein Fitnessstudio besuchen. Mit meinem zweiten Ehemann Axel habe ich viel vor, wir wollen mit dem Wohnwagen unterwegs sein. Der erste Trip steht im Mai an, zwei Monate unter anderem mit Radtour in Tirol und Weiterreise bis zur Adria.“ Aber ein bisschen AWO kann es später schon sein. Die Mitstreiter*innen werden sich freuen.

Autor*in Markus Grenz
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