Queer über 60 – ein Thema, das berührt und bewegt
Manchmal holt uns die Vergangenheit schneller ein, als uns lieb ist – besonders, wenn sie nie ein sicherer Ort war.

Wer heute über 60 und queer ist, trägt oft eine Vergangenheit mit sich, die nicht nur schmerzhaft war, sondern gefährlich. In unseren Seniorenzentren leben Menschen, deren Lebensgeschichten geprägt sind von Mut, Unsichtbarkeit und jahrzehntelangem Schweigen. Viele queere Senior*innen haben Zeiten erlebt, in denen ihre Identität kriminalisiert wurde, denn das Verbot von Homosexualität wurde erst 1994 vollständig aufgehoben.
Für Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen bedeutet das: Sie leben und durchleben oft die Vergangenheit. Also genau die Zeit, in der Offenheit riskant war, in der Liebe nicht gelebt werden durfte. Das heißt aber auch, sie leben in Angst in unseren Seniorenzentren.
Warum dieses Thema uns alle betrifft
Sensible Pflege für queere Senior*innen ist kein Zusatzwissen. Sie ist ein Schutzraum.
Sensible Pflege bedeutet, Biografien zu verstehen, Lebensrealitäten ernst zu nehmen und Menschen so zu begleiten, dass sie sich sicher fühlen – unabhängig davon, wie weit ihre Erinnerung zurückreicht.
Deshalb haben wir heute den Auftakt einer neuen Kooperation mit der Aidshilfe Essen gestartet. Unsere Mitarbeiterin Mira Nocon hatte angeregt, dieses wichtige Thema aufzugreifen.
Im Friedrich-Ebert-Zentrum waren deshalb heute Mitarbeitende aus allen sechs Seniorenzentren dabei und auch unsere Vorständin Claudia Osterholt.
"Der heutige Vortrag der Aidshilfe hat mich tief bewegt. Interessant, aber auch berührend, waren die historischen Einordnungen und die eindrucksvollen Praxisbeispiele. Die konkreten Handlungsempfehlungen, die aufgezeigt wurden, sind ein gutes Werkzeug für die Mitarbeitenden. Es wurde sehr deutlich, wie wichtig es ist, queere Lebenswege zu kennen und zu respektieren", so Osterholt.
Themen mit Praxisbezug waren dabei:
• wie geht man mit Bewohner*innen um, die aufgrund ihrer Demenz wieder in alte Ängste zurückfallen?
• wie vermittelt man Sicherheit, ohne zu bevormunden?
• wie schützt man Identität, auch wenn Worte fehlen?
• wie bindet man Angehörige und Teams ein?
Claudia Osterholt: „Unser Ziel ist ganz klar die Sensibilisierung aller Mitarbeitenden. Dieser Tag war ein erster Aufschlag. Wir werden dieses Thema in allen Seniorenzentren verankern. Denn Vielfalt zählt zu unseren AWO-Grundwerten und wird nicht nur akzeptiert, sondern aktiv geschützt.“