„Vor allem muss man den Menschen vor Ort zuhören“

Der AWO-Vorsitzende Klaus Johannknecht beendet seine aktive politische Laufbahn für die SPD. Hier ein Interview dazu aus dem Steeler Kurier

Unser Vorsitzender Klaus Johannknecht ist nicht nur ein Urgestein der Essener AWO. Gleiches gilt auch für sein Engagement bei der SPD. Als er im Jahr 1964 sein Parteibuch bekam, hatte Willy Brandt gerade erst den Parteivorsitz von Erich Ollenhauer übernommen. Nun macht Klaus Johannknecht mit der aktiven Kommunalpolitik für die SPD Schluss und tritt bei der kommenden Kommunalwahl nicht mehr für die Bezirksvertretung VII an. Zu diesem Anlass führte Redakteur Detlef Leweux ein Interview für den Steeler Kurier, dass wir in zwei Teilen hier veröffentlichen werden. Erschienen ist es am 18./15. Juli. Wir danken Detlef Leweux und der FUNKE MEDIENGRUPPE / WVW ORA ganz herzlich für die Erlaubnis, Texte und Bilder zu veröffentlichen.

 

Nach der Bundeswehrzeit (1964) trat Klaus Johannknecht in die SPD ein, u.a. begeistert vom Charisma eines Willy Brandt. Ein solches baute sich der Steelenser dann selbst auf: z.B. im Wahlkampf-Team von Peter Reuschenbach, im Steeler Ortsvereinsvorstand (15 Jahre), als Referent an der Seite von OB Annette Jäger und als Organisator des damaligen SPD-Familienfests „Ruhr in Flammen“, das alljährlich über 250.000 Besucher begeisterte.

 

Über zehn Jahre Bezirksvertreter, davon fünf Jahre Bezirksfraktionssprecher - welche politischen Entwicklungen bleiben da in Erinnerung?

Klaus Johannknecht: Eindeutig zu viele, um sie an dieser Stelle alle aufzählen zu können. Doch z.B. Steeler Verkehrsplatz, Ruhrpromenade, Steele Stadtgarten, aber auch die Sportanlage am Langmannskamp, Beispiel für eine gelungene Vereins-Fusion, kein Abriss von Alte Zeilen und Kulturforum - hier sieht man, dass nicht alle politischen Weichen falsch gestellt wurden. Außerdem zeigen viele dieser Projekte auch die parteiübergreifende Einigkeit in der Bezirksvertretung VII auf, die es durchaus gab und gibt. Wenn die Verwaltung es dann aber nicht schafft, politische Beschlüsse zeitnah umzusetzen, dann wird Lokalpolitik unglaubwürdig. Beispiel Pläßweidenweg: Es ist unerträglich, dass die 2011 im Rat beschlossene Vermarktung der alten Platzanlage „Kampfbahn Ruhrau“ im gleichnamigen Gewerbegebiet immer noch nicht erfolgt ist. Den Sport- und Bäderbetrieben entgehen so rund 1,5 Mio. Euro Verkaufserlös, der in den Erhalt / Ausbau anderer Sportanlagen gesteckt werden könnte. Trotzdem: Steele ist aktuell ein starkes Mittelzentrum, auch weil Geschäfts- und Vereinswelt sowie Bürgerschaft und Lokalpolitik gut zusammenarbeiten.

 

Sie haben viele Veränderungen speziell in Steele miterlebt. Was sind die intensivsten Erinnerungen?

K.J.: Die habe ich in der Tat gesammelt, in einem Büchlein, das ich in Zusammenarbeit mit dem Steeler Archiv entwickelt habe: „Steele, ein Stadtteil im Wandel“. Heute kann man sagen, dass es sicher ein beschwerlicher Weg war, den Steele im Zeichen der Sanierung durchschreiten musste. Vieles hätte man besser machen können, aber vieles hat sich auch als lohnenswert erwiesen. Zusammen mit OB Peter Reuschenbach habe ich z.B. um das Eckhaus Bochumer-/ Dreiringstraße gekämpft, mit Erfolg. Die Vereinswelt wurde und wird unterstützt, Herzensangelegenheit war mir u.a. die Sportanlage am Langmannskamp. Dann der lange Kampf um die Sanierung des Steeler Kulturforums, der ja gerade erst gewonnen wurde, die Arbeiten laufen. Grundstein für die heutige Ruhrpromenade waren Gespräche zum Gleisrückbau mit der Deutschen Bahn, die die SPD 1978 mit Erfolg geführt hat. Ich erinnere mich noch an das Meeting mit dem damaligen Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle, dem SPDBundestagsabgeordneten Peter Reuschenbach, OB Horst Katzor und dem SPD-Ratsfraktionsvorsitzenden Robert Malone.

 

Also lohnt sich der Einsatz der Lokalpolitiker doch?

K.J.: Natürlich, aber vor allem muss man als Politiker den Menschen vor Ort zuhören, nicht auf jeden Trend anspringen, aber handeln, wenn es wirklich in einem Allgemeininteresse liegt. Dazu gehört auch, dass man die Bürgerschaft, die Vereins-, Verbands- und Geschäftswelt mit ins Boot holt - vor allem gemeinsam lässt sich viel bewegen.

 

Läuft das denn heutzutage auch noch gut?

K.J.: Wissen Sie, z.B. eine Bezirksvertretung (BV) ist immer nur so gut, wie man ihr ansehen kann, dass sie nahe am Bürger agiert. Dazu gehören auch politische Kompromisse. Die BV VII hat viel Gutes parteiübergreifend auf den Weg gebracht. Allerdings ist es nicht förderlich, wenn die Stadtverwaltung Erkenntnisse, ja sogar Beschlüsse der BV lange Zeit nur zur Kenntnis nimmt und nicht aktiv wird. So verliert das politische Ehrenamt an Ansehen, die Menschen vor Ort erwarten auch, dass Entscheidungen zeitnah umgesetzt werden.

 

Im Kommunalwahlkampf sind Sie für die SPD aber doch noch am Ball?

K.J.: Natürlich. Und ich hoffe auch, dass die Bürger ganz genau hinsehen, wer sich für sie und vor ihrer Haustüre für Projekte, Sorgen und Nöte, Anregungen usw. eingesetzt hat. Das hat die SPD in den Stadtteilen immer noch sehr gut drauf. Wir sind die Kümmerer vor Ort. Und auch, wenn ich bei dieser Wahl nicht mehr antrete, bleibe ich doch SPD-Mitglied und bin so weiterhin Ansprechpartner für die Bürger.

 

Leider kann man in einem Interview nie alle wichtigen Fragen „beackern“. Welche fehlt Ihnen denn noch...?

K.J.: ... die nach der Bedeutung und vor allem Verantwortung der (lokalen) Presselandschaft. Ich mache leider seit Jahren die Erfahrung, dass es nur noch wenige Redaktionen gibt, die politische Arbeit für den Bürger auch abbilden. Wie wirken Lokal-, aber auch Landes-, Bundes- und Europa-Politik bis in den Stadtteil, bis in den Alltag jedes Einzelnen hinein? Das zu erklären, ist u.a. Aufgabe der Presse und das vermisse ich immer mehr. Der STADTSPIEGEL ESSEN, gerade mit seinen Ausgaben im Essener Osten, ist da eine rühmliche Ausnahme. Hier wird Politik erklärt, bewertet und natürlich auch kritisiert. Und genau so kann man der viel zitierten Politikverdrossenheit vorbeugen, indem man erläutert, was Politiker machen. Ich weiß, dass eine solche journalistische Leistung über alle Parteigrenzen hinweg geschätzt wird.

 

Autor Leweux / Grenz
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