Kern-Arbeitszeit: AWO-Geschäftsführer schiebt Küchendienst

Einen Arbeitstag der besonderen Art verbrachte jetzt Oliver Kern im Seniorenheim Otto-Hue-Haus an der Holsterhauser Barthel-Bruyn-Straße. Der Geschäftsführer der AWO in Essen schob acht Stunden lang Küchendienst. Und schaute dabei weit über den eigenen Tellerrand hinaus.

Man kennt das ja: Ein Chef will seine Abteilungen kennenlernen und mitarbeiten, kommt dann für ein Stündchen vorbei, macht die Kollegen verrückt, steht ständig im Weg, hat am Ende eigentlich mehr Arbeit verursacht als erledigt und alle Beteiligten atmen auf, wenn das Experiment vorüber ist. Oliver Kern muss laut lachen, wenn er diese Antithese zu seinen Sondereinsätzen hört. „Nein, die Mitarbeit ist schon ein ganzer Arbeitstag und die Hilfe soll den Kollegen auch etwas bringen. Ich will ja einen richtigen Einblick bekommen“, erläutert der Mann, der jeden Monat eine „Kern-Arbeitszeit“ absolviert und den Chefsessel gegen Hausmeister-Besen, den Kittel eines Seniorenpflegers (Kasack) oder wie jetzt den Kochlöffel tauscht.

So ganz neu ist das Arbeitsfeld in einer Großküche für Oliver Kern nicht, auch wenn er an diesem Tag zusammen mit dem vierköpfigen Team immerhin über 100 Personen satt bekommen muss. Und einem Teil davon Welsfilet in Dillrahmsauce oder Eierfrikassee auch zu servieren hat. Bereits in zwei Großküchen im Essener AWO-Universum hat Kern seit seinem Dienstantritt 2016 geschrubbt, geschnibbelt und gekocht. „Außerdem habe ich vor meiner Ausbildung zum Erzieher im Jahr 1982 auch die hauswirtschaftliche Abteilung des Berufskollegs Holsterhausen besucht. Großküchen sind klasse, für viele Menschen kochen macht wirklich Spaß. Und hier ist das Team sehr nett und die Arbeit wirklich gut organisiert, da geht es Schlag auf Schlag“, stellt er fest und muss auch schon wieder los. Während die Fischfilets in ihrer Panade im Ofen brutzeln, müssen die Servierwagen mit Tellern, Gläsern, Wachsbohnensalat und einigem mehr bestückt werden.

Hauswirtschaftsleiterin und Küchenchefin Pia Schönfeld hat jedenfalls keine Scheu davor, den Chef zu beschäftigen. „Warum auch? Ich finde es toll, dass er die Bereitschaft zeigt, hier wirklich mit anzupacken. So haben wir die Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Und er erlebt die Abläufe im Haus aus erster Hand“, erläutert sie. Schichtbeginn um 6.50 Uhr, Salat vorbereiten und passieren (mörsern), Kartoffelpüree zubereiten, Smoothies pürieren, Eier pellen, Servierwagen vorbereiten und Essen servieren, schließlich mit den Kollegen die Küche schrubben: So wird im Wesentlichen der Arbeitstag des Geschäftsführers ausgesehen haben, wenn er gegen 14.30 Uhr nach Hause darf.

Oliver Kern selbst kann und will sich seinen Job gar nicht ohne die „Extra-Schichten“ vorstellen. „Wenn Entscheidungen anstehen weiß ich besser, wovon ich rede. Ich sehe, wo die Probleme vor Ort liegen und kann außerdem meinen Mitarbeitern Wertschätzung für ihre Arbeit entgegenbringen. Daneben will ich auch die Hierarchien innerhalb unseres Hauses aufbrechen“, nennt der Geschäftsführer einige der Gründe, warum er sich trotz überquellendem Terminkalender jeden Monat einen Arbeitstag für den Dienst vor Ort reserviert. Wie könnte man sonst den Arbeitsalltag seiner Mitarbeiter hautnah miterleben und über den eigenen Tellerrand schauen?

Autor Markus Grenz
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