ICH BIN AWO TEIL 2: Jens Fischer von der Familienbildung

Ein klassisches Kind des Ruhrgebiets, das sich für Chancengleichheit einsetzt

Jens Fischer von der AWO Familienbildung setzt bei seinen Projekten in der Realschule an der Gelsenkirchener Straße und in der Hauptschule Katernberg sehr gerne den 3D-Drucker ein. Als Atemschutz beim Corona-Ausbruch gefragt war, produzierte er Halterungen für Klarsichtvisiere. Foto: Grenz
Einen Teil seines Jobs verbringt Jens Fischer hinter seinem Schreibtisch in der AWO Verwaltung am Holsterhauser Platz. Hier sucht er nach interessanten Lehrangeboten für seine Klienten. Foto: Grenz

Eine sozial gerechte Gesellschaft: Dafür setzt sich die AWO in ihrem Denken und Handeln ein. Chancengleichheit für alle bleibt dabei immer das Ziel, das nie erreicht wird, Bildungsgerechtigkeit der Treibstoff auf dem Weg dorthin. Doch von allein passiert das nicht, dafür braucht es Menschen, die jeden Tag daran arbeiten. Einer von ihnen ist Jens Fischer von der AWO Familienbildung. Auch der bisherige Lebensweg des heute 31-Jährigen war alles andere als „glatt“. Wahrscheinlich passt er auch deshalb gut ins Team.

„Schule ist bei manchen Mädchen und Jungen im Essener Norden eine große Herausforderung, insbesondere in Bezug auf einen guten Abschluss. Wenn ich in meinen Projekten in der Realschule an der Gelsenkirchener Straße und in der Hauptschule Katernberg mit den Jugendlichen arbeite, versuche ich ihnen immer zu vermitteln, dass man mit etwas Einsatz einfach mehr Wahl im Leben hat.“ Es dauert schon eine gewisse Weile, wenn man sich mit Jens Fischer über seinen Beruf als Pädagoge unterhält, bis diese Sätze fallen. Vielleicht weil sie auch einiges mit ihm selbst und seinem Werdegang zu tun haben. Und vielleicht weil sie auch bei ihm eine der Kreuzungen markieren, die für den weiteren Verlauf des Lebens oft bedeutend sind.

Jens Fischer ist so etwas wie ein klassisches Ruhrgebietskind, aufgewachsen im Oberhausener Stadtteil Klosterhardt zwischen klassischen Zechen- und mal mehr, mal weniger gesichtslosen Mehrfamilienhäusern, Großvater Bergmann, Vater tätig in der Stahlindustrie. Kein silberner Löffel bei der Geburt im Mund, aber auch keine schlechten Startbedingungen. Wohin das Pendel ausschlägt, hängt oft von Zufällen und Phasen ab. Bei Jens Fischer schlug es in einer wichtigen in die falsche Richtung. „Ja, ich bin in Oberhausen-Sterkrade vom Gymnasium geflogen. Es soll wohl am Sozialverhalten gelegen haben“, schaut er zurück und muss dabei schmunzeln. Sein Glück damals: Eltern, denen das Wohlergehen des Sprösslings nicht egal war. „Meine Eltern wollten unbedingt vermeiden, dass ich auf eine Real- oder Hauptschule gehe. Und so bin ich in Duisburg-Hamborn auf dem Clauberg-Gymnasium gelandet. Ich denke, das war ein großes Glück“, erläutert er. In der Bildungsanstalt, die in den 1960er-Jahren auf Bestreben der SPD gegründet wurde, um auch Kindern aus Arbeiterfamilien die Möglichkeit zu geben, das Abitur zu absolvieren, kümmerte man sich gut um den Jungen aus der Nachbarstadt. „Ich glaube, dort hatte man sich auf die Fahnen geschrieben, allen Kindern und Jugendlichen eine Chance und die Möglichkeit für einen vernünftigen Schulabschluss zu geben. Und danach lief es“, führt er aus.

Für ihn lief es zunächst auf ein Studium der Erziehungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen hinaus –auch so eine Bildungsanstalt, deren Wurzeln sowohl in Duisburg als auch in Essen die Gesamthochschulen waren, die die das Licht der Bildung Anfang der 1970er-Jahre in der vom Strukturwandel geprägten und noch kohlrabenschwarzen Region in Nicht-Akademiker-Familien tragen sollten. „Ich habe mir mein Studium immer mit Arbeit nebenher finanziert. Dabei wollte ich mit Menschen zusammenarbeiten. Zunächst war ich viel an Förderschulen unterwegs, die sich im Rahmen von Bildung und Teilhabe für die Integration von Menschen mit Behinderung eingesetzt haben“, schildert Jens Fischer. Im Hauptstudium, das heute Masterstudium heißt, legte er den Schwerpunkt auf die Erwachsenenbildung.

Zum Kreisverband der AWO Essen kam er vor rund zweieinhalb Jahren, genauer gesagt ins Dezernat Bildung und Soziale Dienste. „Wir sind im Kindermobil im Essener Norden verschiedene Punkte angefahren und haben dort mit Kindern aus benachteiligten Familien die Nachmittage mit Kochen, Bewegen, Spielen und vielem mehr gestaltet. Das war schon eindrucksvoll“, sagt er. Nach zwei Monaten kam die Frage, ob er nicht noch mehr machen könne. Der Essener Norden blieb fortan ein Teil seines Arbeitsfeldes, hier arbeitet er bis heute in dem Schulprojekt „Glückauf! Für eine starke Jugend im Revier“. Und konnte und kann seine Vorliebe für alles Technische auch beruflich gut umsetzen. „Ich organisiere Workshops für die Produktion von Hörspielen oder wir arbeiten mit dem 3D-Drucker. Es gibt aber auch zahlreiche andere Angebote, etwa Theaterbesuche oder Parkour-Trainings“, berichtet er.

Genauso ans Herz gewachsen wie seine praktische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist ihm heute die „theoretische“, die vor rund einem Jahr die Verlagerung eines Teils seiner Arbeitsstunden in die Abteilung Familienbildung mit sich brachte. „Ich wollte mehr mit Erwachsenen arbeiten. Nimmt man die in die Arbeit mit auf, hat man mehr Chancen, auch die Kinder zu erreichen. Außerdem kann man langfristiger mit den Erwachsenen arbeiten, weil die Kindergeschichten häufig in einem Projekt liegen, das irgendwann ausläuft“, erläutert Jens Fischer. Hier ist er im besten Sinne „Schreibtischtäter“, schaut welche Bedarfe es bei der Klientel gibt und entwickelt daraus Angebote oder bucht sie bei Dozenten. „Egal ob beim Vater-Kind-Turnen oder der Theatergruppe: Ziel ist es, in Kontakt mit den Familien durch unsere Angebote zu kommen und dann zu helfen“, umschreibt er den roten Faden seiner Arbeit: „Für mich selbst ist das klasse, ich kann mich durch den Büro-Job auf einer anderen Ebene noch einmal weiterentwickeln, die Szene im Blick behalten und an Entwicklungen teilnehmen.“

Bei der AWO in Essen fühlt er sich, und das hört man im Gespräch deutlich heraus, mindestens aktuell bestens angekommen. „Die AWO macht sehr viele Angebote für eine ganz unterschiedliche Klientel. Sie geht genau in die Bereiche hinein, in denen Hilfe wirklich gebraucht wird. Und das auf eine ganz einfache und unkomplizierte Art.“ Für ein Ruhrgebiets-Kind wie Jens Fischer nicht die schlechteste Art, könnte man anfügen.

Autor Markus Grenz
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