40 Jahre Familienbildung im Rückblick

Die Diplompädagogin Edith Schmitzer hat fast 32 Jahre lang für die AWO in Essen im Bereich Bildung gearbeitet. Zwischen 1991 und 2016 war sie Leiterin der Familienbildungsstätte, seit 2000 bis zu ihrem Ausscheiden Ende 2017 auch Referatsleiterin der Abteilung Bildung. Anlässlich des 40. Geburtstags der Familienbildung des AWO Kreisverbandes Essen schaut sie zurück.

Frau Schmitzer, was war Familienbildung, als sie 1986 zur AWO kamen?

Edith Schmitzer: Das Angebot war eine bunte Mischung unterschiedlichster Kursangebote für Menschen aller Generationen. Ein großer Teil richtete sich an Familien im engeren Sinne, also Vater und Mutter mit und ohne Kind. Die Angebote waren etwa Geburtsvorbereitungskurse, Still- oder Eltern-Kind-Gruppen. In Kooperation mit den Ortsvereinen haben wir unheimlich viele Seminare für Familien und Senioren angeboten. Die Senioren sind ein enorm wichtiger Faktor innerhalb der Familien.

 

Klingt thematisch nicht so anders als heute.

Edith Schmitzer: Die Grundlagen waren und sind immer dieselben: Entlang der Leitlinien der AWO – Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit – will man für die Familien Orte schaffen, an denen Begegnung, Austausch untereinander und Lernen von vermitteltem Wissen und durch selbst gemachte Erfahrungen gefördert wird. Was zu einem besseren Zusammenleben innerhalb der Familie und zu einer Chancengleichheit innerhalb der Gesellschaft führt, sind Eckpfeiler von Familienbildung.

 

Es hat doch in den Jahren einige Umbrüche oder Neuerungen gegeben?

Edith Schmitzer:  Oh ja, da gibt es viele. Das klassische Familienbild hat sich gewandelt. So hat die Familienbildung sich schon früh alternativen Elternmodellen wie Alleinerziehenden- oder Patchworkfamilien gewidmet und über die Jahre zielgruppenspezifische Angebote entwickelt. Außerdem hat sich die gesellschaftliche Schere leider weiter auseinander entwickelt, so dass die AWO verstärkt die Stärkung der Elternkompetenzen in den Fokus genommen hat und mit dem Projekt ‚TAFF‘ (Treffen und Austausch über Fragen in Familien) ein eigenes Format entwickelt hat. Die seit Ende der 90iger zunehmende Projektarbeit ist spannend, doch auch, neben der alltäglichen Bildungsarbeit, immer wieder eine Herausforderung. Auch  haben wir seit dieser Zeit Kooperationen mit Kitas, Schulen und dem Jugendamt forciert, um auch die Eltern zu erreichen, die von alleine nicht zu uns gekommen wären. Das hat unheimlich viel gebracht. Es war aber immer so: Sozial schwache Familien sind schwer zu erreichen.

 

Doch das war und ist nicht die einzige Herausforderung im familiären Bereich.

Edith Schmitzer:  Wir mussten uns auch an die geänderten Lebenswelten anpassen. Zum Beispiel kamen Eltern zu unseren Eltern-Kind-Gruppen in der Lebensphase des Kindes von zwei bis vier Jahren. Heute wollen viel mehr Eltern Angebote, die früh nach der Geburt starten und bis zum ersten Lebensjahr, wie zB. der ‚Elternstart NRW‘, ein vom Land gefördertes Kursformat.  In vielen Familien gehen beide Elternteile die Mütter dann wieder arbeiten und die Kinder in die Tagespflege oder Kita.

 

Wie steht es mit dem Themen Zuwanderung und Integration?

Edith Schmitzer: Dies hat deutlich zugenommen und auch hier hat uns die Zusammenarbeit mit Kitas, Schulen und Institutionen sehr geholfen und tut es den Verantwortlichen sicher heute noch, um an die Menschen heranzukommen. Helfen kann man auf vielerlei Ebene, durch Sprachkurse, gesundheitliche Aufklärung, Elterngespräche, Erläuterung des Hilfenetzwerks in Deutschland und vieles mehr. Wir haben uns intensiv an Kooperationen  beteiligt, etwa das „Rucksack“-Programm der Stadt, oder auch ‚Gemeinsam Sprache lernen‘ für Flüchtlingsfamilien, beides Angebote für Sprachförderung und Erziehungshandeln.

 

Und schließlich hat es noch die digitale Revolution gegeben.

Edith Schmitzer: (Lacht) Die war für uns auch eine Herausforderung. Über Elternabende zur Stärkung der Medienkompetenz in den Familienzentren bis zu  Senioren fit machen für den Umgang für PC, Smartphone oder Tablet, da gab’s vielfältige und viele Neuerungen. Das wird sicher auch in Zukunft eine Aufgabe der Familienbildung sein. Generell kann man für den Bereich der Familienbildung sagen: Wie sich die Gesellschaft ändert, so ändern sich auch die Angebote.

 

Interesse geweckt? Wir freuen uns auf Sie!