Väter im Dialog

„Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft – und das wollen wir auch zeigen!“ Fragt man Turgut Kockesen nach seiner Herkunft ist die Antwort eindeutig: „Ich bin Essener!“ Genauso stellen sich auch die 14 Mitstreiter vor, die sich regelmäßig in der Gruppe „Väter im Dialog“ in den Räumen des AWO-Jugendhilfe-Netzwerks am Katernberger Markt treffen. Was im Jahr 2010 als gemeinsame Erprobungs-Initiative der AWO, des interkulturellen Büros der Stadt und der Moscheegemeinde Ayasofia begann, ist für die 15 Männer inzwischen nicht mehr aus ihrem Alltag wegzudenken. Was sie eint, sind die türkischen Wurzeln und der Wille, ihre Rolle als moderne Väter aktiv wahrzunehmen. Seit einem von der AWO-Familienbildung organisierten Wochenend-Seminar vor sechs Jahren ist die Gruppe sehr eng zusammengewachsen. Alle 14 Tage kommen sie zusammen, um sich ein Thema vorzunehmen. 
Erziehungsfragen, Medienerziehung und natürlich die Bedeutung und Rolle eines Mannes mit türkischen Wurzeln stehen immer wieder auf dem Programm. Bei dieser Rollenfindung lassen sich die Männer von einer Frau helfen. Begleitet wird die Gruppe von der aus Izmir stammenden AWO-Sozialpädagogin Macide Serpemen.
Was sofort auffällt, ist die Disziplin, mit der  die eher als temperamentvoll geltenden Männer aus dem türkischen Kulturkreis  diskutieren. „Ich genieße das Zuhören“ ist auch eine der Regeln für das Gespräch in der Gruppe. Laut wird es auch manchmal – wenn gemeinsam gelacht wird. Mag es in der ersten Zeit vielleicht nicht ganz einfach gewesen sein, die Rollenklischees zu verlassen, so ist die Gruppe inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen. „Wir wollen nicht in einem türkischen Café herumsitzen, wir wollen uns aktiv an der Erziehung unserer Kinder beteiligen“, gab Tuncay Cin in einem Interview zu Protokoll – und daran hat sich auch nichts geändert. Im Gegenteil, es werden immer neue Themenfelder von allen Seiten beleuchtet und diskutiert. Von der Geburtsvorbereitung für Väter, die familiäre Sprache und Kommunikation bis zum Umgang mit eher traditionellen Großeltern, die Themen gehen den Vätern nicht aus. Dazu kommen noch gemeinsame Aktivitäten wie Vater-Kind-Tage und Ausflüge.
Inzwischen ist die Gruppe auch in den politischen Dialog einbezogen. Auf Einladung des SPD Bundestagsabgeordneten Dirk Heidenblut reiste eine Delegation im Januar nach Berlin, um an der Fachtagung „Muslime in Deutschland“ teilzunehmen. Nach persönlichen Erfahrungen schätzen die Väter die Situation für Muslime als gar nicht so schlecht ein. Wenn man offen sei, kämen einem die Menschen hier auch offen entgegen.
Um die Existenz ihrer Gruppe weiter zu sichern, wollen die „Väter im Dialog“ einen landestypischen Weg beschreiten und einen Verein gründen. Denn die Gruppe hat noch viel vor. Nach den eigenen positiven Erfahrungen wollen die Männer weitere Väter aus Essen erreichen, die Weiterbildung der Mitglieder verstärken und dazu Kooperationen mit Bildungseinrichtungen eingehen. Vor allen Dingen wollen sie aber eines: gute Väter sein, die ihren Kindern mit viel Liebe den Weg ins Leben erleichtern.

29. Mai 2017