Mit dem Karnaper Seniorenbus unterwegs

„Ohne Euch sähe das für uns Alte echt duster aus!“ Ein Lob, das Peter Scharschmidt und Olaf Hellmecke gern von der 85-jährigen Erika entgegennehmen. Die fröhliche alte Dame ist die erste Passagierin des Karnaper Seniorenbusses, der heute von den beiden ehrenamtlichen Fahrern durch den nördlichsten
Essener Stadtteil gesteuert wird. Es sind vorwiegend ältere und behinderte Damen die jeweils vor ihrer Haustür abgeholt werden und dann zum Discounter gebracht werden. Es ist eine lustige Truppe, die da auf verschiedenen Touren mit dem VW-Bus unterwegs ist. Man kennt sich oft schon seit Jahren und schnell machen schon die ersten Witze die Runde noch bevor die erste Tour auf dem Aldi-Parkplatz Station macht. Das kleine Fußbänkchen und starke männliche Arme erleichtern das Aussteigen, bevor die ersten drei Damen zielstrebig hinter den Ladentüren verschwinden.
Zeit für Peter Scharschmidt und Olaf Hellmecke mit Bonbons und einer E-Zigarette eine kleine Pause einzulegen. Es ist nicht Bus „Anneliese 1“ mit dem großen AWO-Herzen an den Seitenflächen, der die Passanten anlockt, es sind „Pidder“ und Olaf, die gezielt angesprochen werden. „Na, wieder auf Tour mit den Mädels?“ Wie geht es eigentlich Deiner Mutter?“ Karnap ist eben ein Dorf und die beiden ehrenamtlichen Busfahrer sind buchstäblich bekannt wie die bunten Hunde. Wo der AWO-Bus an diesem Morgen auftaucht, überall sieht man winkende Hände. An einer Ecke der Karnaper Straße wird kurz die Hupe angetippt und ein halbes Dutzend Hände fliegt in die Luft. „Das ist die Rentner-Gang, die steht jeden Morgen hier“, erklärt Olaf Hellmecke, der heute dafür sorgt, dass bei der jeweiligen Rückfahrt des Busses, die vollen Einkaufstaschen auch die Treppe bis zur Wohnungstür hinauf geschleppt werden. „Das ist eben unser Service, der die Hilfe rund macht“, erklärt dazu Peter Scharschmidt.
Bei einer Kaffeepause „das muss auch sein“ im Karnaper Büdchen erzählen beide, wie es zum Seniorenbus kam und wieso eigentlich nicht formal organisierte Ehrenamtler mit einem AWO-Bus unterwegs sind. Scharschmidt und Hellmecke, beide schon pensioniert, sind seit den Anfängen im Jahr 2008 dabei: „Wir waren und sind noch immer ein Freundeskreis von vorwiegend Bergleuten und unternehmen immer viel gemeinsam. Damals, 2008,  beklagten vor allen Dingen ältere Menschen, dass es am Karnaper Markt keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gebe und es einfach zu weit zu den Discountern am Ortsrand war. Das waren alles Leute, in deren Gärten wir schon als Kinder gespielt haben. Da mussten wir einfach helfen.“
Auf dem Weg von der Idee bis zur „Senioren-Buslinie“ kam dann die AWO ins Spiel. Über private Verbindungen fragte man beim Essener Kreisverband an und stieß mit der Idee nicht auf taube Ohren. Mit nur minimaler Bürokratie wurde die Einigung erzielt und seither holt der Karnaper Freundeskreis an jedem Donnerstag den AWO-Bus „Anneliese 1“ vom Anneliese-Brost-Zentrum ab. Für den Einsatzplan bedürfe es keiner großen Organisation, so Scharschmidt: „Wir regeln das untereinander.“
Am Steuer wechseln sich sechs bis acht ehrenamtliche Fahrer und Beifahrer ab, die alle eine gemeinsame Geschichte und viel soziales Engagement eint. So ist zum Beispiel Olaf Hellmecke nicht nur mit dem Bus unterwegs, als ehrenamtlicher Versicherungsältester kümmert er sich auch auf andere Weise um die Sorgen und Nöte in seinem „Dorf“.
Langsam geht es auf die Mittagszeit zu und die letzten Passagierinnen werden vor ihren Wohnungstüren abgeliefert – und das meist fröhlicher als zu Fahrtbeginn. Scherze und manche Witze, die nicht immer Ladylike sein müssen, sorgen für eine wirklich familiäre Stimmung im Bus. Die aufgeregte ältere Dame die morgens noch unter Tränen erzählte, wie man versucht habe, sie zu betrügen verlässt sichtlich erleichtert und lächelnd die Runde. „Wir kennen die meisten unserer etwa 30 Mitfahrerinnen schon ziemlich gut. Da können wir manchen Tipp geben und manchmal hilft auch eine herzliche Umarmung schon weiter“, erklärt Olaf Hellmecke das „Geheimnis“ warum der Seniorenbus so beliebt ist: „Das fördert auch den Zusammenhalt in unserem Dorf“.
Es gehe ausschließlich, so betonen die beiden Gründer der Bus-Initiative, um soziale Verantwortung und Mitmenschlichkeit, nicht mehr und nicht weniger.

17. Februar 2017