Kern-Arbeitszeit im Louise-Schroeder-Zentrum

Wenn der Geschäftsführer der Essener AWO von Kernarbeitszeit spricht, dann ist nicht unbedingt Arbeitsrecht das Thema. Vielmehr geht es Oliver Kern bei diesem Schlagwort um das Erkunden der verschiedenen, ganz unterschiedlichen Arbeitswelten, die es bei der Arbeiterwohlfahrt gibt. Kern schlüpft seit seinem Einstieg bei der AWO im letzten Jahr immer wieder für eine ganze Schicht in eine andere Rolle, wird für eine Arbeitszeit zur „helfenden Hand“, die auch nicht davor zurückschreckt, sich schmutzig zu machen.

 „Inzwischen wissen die Kollegen, dass es mir nicht darum geht, als Chef mal kurz in die verschiedenen Abteilungen heineinzuschnuppern. Ich will selbst fühlen und erleben, was in den verschiedenen Bereichen geleistet wird und wie die Arbeitsbedingungen sind“, erklärt Kern seine Einsätze, die ihn schon manche Nacht um den Schlaf gebracht haben.

Jetzt ist wieder so eine Nacht, denn die Schicht im Pflegeheim Louise-Schroeder-Zentrum in Katernberg ist von 20.30 bis 6.45 Uhr Ort der „Kern-Arbeitszeit“. Es ist ein warmer Abend, so trifft man sich schon vor Arbeitsbeginn unter einem Zeltdach im Garten des Heims. Mit dabei ist Altenpflegerin Sylvia Kelling, für diese Nacht die „Chefin“ von Oliver Kern. Dazu gesellen sich noch zwei weitere Kollegen, die in dieser Nacht für die vier Abteilungen des Hauses zuständig sind. Sylvia Kelling berichtet, wie ständige Nachtschichten im Wechsel mit freien Tagen den Lebensrhythmus durcheinander bringen und dass die Nacht im Heim nun wirklich keine Ruhezeit sei. Für den AWO-Geschäftsführer ist die Nachtschicht keine ganz neue Erfahrung: „Ich habe das schon einmal gemacht. Da habe ich noch ein Buch mitgenommen, weil ich glaubte, so in den Nachtstunden lange Wartezeiten überbrücken zu können. Das war ein Irrtum, ich kam nicht dazu, auch nur eine Seite zu lesen.“

Und so wird auch jetzt die Nacht alles andere als langweilig. Los geht es mit der „Übergabe“ der Stationen. „Herr S. hat sich übergeben, Frau N. ist noch im Krankenhaus, bei Frau T. muss noch einmal auf den Blutdruck geachtet werden…“ Routiniert werden der Nachtschicht die nötigen Informationen gegeben, dann geht es für Sylvia Kelling und die helfende Hand Oliver Kern auf die erste Runde. Vorher werden gemeinsam noch die Getränke für die Bewohner vorbereitet. Saft, Mineralwasser, Malzbier stehen oben auf einem Wagen, unten werden Windeln für inkontinente Senioren eingeladen. Auf dem Weg zum ersten Zimmer muss noch schnell die Waschmaschine kontrolliert werden. Stark mit Exkrementen verschmutzte Textilien werden schon auf der Station vorgewaschen, um der zentralen Wäscherei die Arbeit zu erleichtern.

Bei der ersten Besuchsrunde in den Zimmern stellt sich Kern den Bewohnern als Helfer für die Nacht vor, wobei Sylvia Kelling dazu erklärt, dass der „junge Mann“ in der Pflegerkleidung der Chef der AWO ist. „Ach, wollen Sie mal das alles hier kontrollieren? Ich fühle mich sehr wohl hier, da gibt es nichts zu meckern“, kommentiert eine ältere Dame, den Besuch der beiden.

„Es freut mich zwar, wenn ich so positive Kommentare höre, mir geht es aber auch darum, wie sich die Mitarbeiter fühlen und wie man ihre und damit auch die Situation der Bewohner verbessern kann“, macht Kern noch einmal den Zweck seines Rollenwechsels deutlich. Die Nacht im Louise-Schroeder-Zentrum habe, so steht es später im Bericht, eigentlich keine besonderen Ereignisse gebracht. Und doch kommt das Team nicht zur Ruhe. Bewohner, die sich eingenässt haben, werden gesäubert, neu eingekleidet, die Betten wurden neu bezogen und bei Bedarf werden gleich noch die nötigen Medikamente verteilt. Bei anderen älteren Damen und Herren muss regelmäßig der Blutdruck kontrolliert werden, andere müssen mit Getränken versorgt werden, um eine Dehydrierung zu vermeiden. Dazwischen noch der „Papierkrieg“, denn die Pflegedokumentation muss immer auf dem aktuellen Stand bleiben. „Die kurzen Kaffeepausen zwischen den Einsätzen und das Luftschnappen auf dem Balkon musste man sich buchstäblich erkämpfen, um danach noch schneller durch die Gänge zu eilen“, fasst Oliver Kern seine unruhigen nächtlichen Erfahrungen zusammen: „Dabei bewundere ich wirklich die Kollegen, wie sie bei dem geballten Stress, der sich Schicht für Schicht wiederholt, immer diesen freundlichen und geradezu liebevollen Ton den Bewohnern gegenüber beibehalten.“  

Es müsse sich grundsätzlich etwas in der Pflege ändern, da wird der AWO-Geschäftsführer ganz ernst: „Der Pflegeschlüssel, also das zahlenmäßige Verhältnis von Pflegepersonal zu Betreuten muss ganz dringend geändert werden. Wir brauchen mehr Menschen in der Pflege, dann wird der Beruf auch wieder attraktiver. Die Gesellschaft darf nicht darauf bauen, dass Pflegerinnen und Pfleger über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinausgehen müssen, um das System aufrecht zu erhalten. Die Menschen, die sich hier mit viel Enthusiasmus um andere Menschen kümmern, haben mehr Wertschätzung verdient!“

Für Kern ist es eine Selbstverständlichkeit,  dass eine so wohlhabende Gesellschaft den Bereich, in dem es um die Betreuung von Menschen geht, auskömmlich finanzieren muss: „Das geht von pädagogischen Aufgaben in der Kita bis zur Pflege im Heim!“

Jetzt ist aber erst einmal eine Pause angesagt, bevor es später am Tag für Oliver Kern wieder an den Schreibtisch des Geschäftsführers in der AWO-Zentrale am Pferdemarkt geht.

10. Oktober 2017