Freiwilliger Einsatz für alte Menschen – als junger Mensch seinen Weg finden

Eben noch hat Sevval Gümüsok fröhlich mit einer alten Dame die Tageszeitung gelesen und mit ihr über das aktuelle Tagesgeschehen geplaudert, jetzt ist die 20 Jahre junge Frau  ein wenig traurig. In wenigen Tagen wird sie das Otto-Hue-Haus, ein Pflegeheim der Essener AWO in Holsterhausen, verlassen. Ein Jahr lang hat Sevval Gümüsok nach ihrem Abitur an der Erich-Kästner-Gesamtschule hier ein „Freiwilliges soziales Jahr“ (FSJ) abgeleistet.

Seit knapp zehn Jahren ist im sogenannten FSJ-Gesetz geregelt, wo und wie sich jungen Menschen nach der Schulausbildung im sozial-karitativen oder gemeinnützigen Bereich engagieren können. Für ein Jahr besteht die Möglichkeit, gegen ein Taschengeld aktiv Erfahrungen in verschiedenen sozialen Arbeitsfeldern zu sammeln.

Und diese Chance hat  Sevval Gümüsok genutzt. „Nach der Schulzeit, die ja durch theoretisches Lernen geprägt ist, wollte ich endlich einmal etwas Praktisches machen und das wirkliche Leben kennenlernen.“ So meldete sich die Abiturientin bei der AWO, die mehrere FSJ-Stellen in Essen betreut. Im Angebot war unter anderem der Platz im Otto-Hue-Haus. „Eigentlich wollte ich nach meinen Erlebnissen während eines Schülerpraktikums im Krankenhaus nicht mehr mit alten Menschen arbeiten. Dass ich mich dann doch für den Einsatz im Pflegeheim entschieden haben, war goldrichtig“, fasst die junge Frau ihre Erfahrungen zusammen.

Hemmungen habe sie zu Anfang gehabt, sich auf die neue Situation einzulassen. Auch Ängste vor dem Umgang mit alten Menschen ließen die junge Frau vor gut einem Jahr mit gemischten Gefühlen den FSJ-Platz im Pflegeheim antreten. „Es war mit das Beste, was ich bisher gemacht habe. Die Erfahrungen hier haben mich persönlich weiterentwickelt. Hier habe ich mich erst selbst kennengelernt und meine Grenzen erlebt!“

Dass die Abiturientin reifer wirkt, als es ihre 20 Lebensjahre erwarten lassen, liegt sicher an dem für sie prägenden letzten 12 Monaten. So ist jedenfalls ihr eigenes Fazit: „Die Sevval vor einem Jahr und die Sevval heute, das sind zwei verschiedene Menschen!“

Dabei hat die Abiturientin eigentlich einen ganz „normalen“ FSJ-Dienst absolviert. Sie hat in dem Heim keine Pflegerinnen und Pfleger ersetzt, sie hat keinem professionellen Helfer Konkurrenz gemacht, sie hat einfach die Lücken gefüllt, den Service geboten, der in einem normalen Pflegealltag nicht zu bewältigen ist. „Ich habe mich oft lange und ausführlich mit den Bewohnern unterhalten, bin mit ihnen zum Beispiel spazieren gegangen oder habe, wie eben, mit der älteren Dame hier auf der Station die Zeitung gelesen. Den Menschen nicht durch einen Arbeitstakt vorgegebene Zeit zu schenken, das ist das, was ich hier als Aufgabe gesehen habe.“

Das machte die Abiturientin offensichtlich nicht nur zur vollsten Zufriedenheit der von ihr betreuten Senioren, auch die AWO-Kollegen aus dem Pflegeheim sind ein wenig traurig, dass die FSJ-Zeit von Sevval Gümüsok jetzt schon zu Ende geht. „Die junge Frau hat sich so enorm weiterentwickelt und ist zu einer richtigen Persönlichkeit herangereift. Sie hat so eine Sensibilität im Umgang mit anderen Menschen entwickelt, das ist einfach toll. Dazu spürt man, dass sie ihr eigenes Handeln immer überdenkt und genau weiß, was sie tut!“ Angelika Schulte, Leiterin des Otto-Hue-Hauses ist begeistert von ihrer freiwilligen Mitarbeiterin auf Zeit, die in wenigen Tagen das Haus verlässt.

Nach diesen intensiven Erfahrungen ist für die 20-Jährige die weitere Zukunft klar. „Ich werde auf jeden Fall Sozialarbeit studieren. Jetzt weiß ich, dass das genau mein Weg ist. Ich habe hier gelernt, geduldig zu sein und jeden Menschen so freundlich zu behandeln, als wäre es unser letztes Treffen.“

Eine Empfehlung hat die angehende Studentin für alle Schulabgänger: „Jeder junge Mensch sollte diese Erfahrungen machen, um sich selbst und andere kennenzulernen. Das FSJ ist eine enorme Chance, die man nutzen sollte!“

07. August 2017