20 +1 Jahre AWO Fanprojekt Essen

Nein, langweilig ist es in den letzten 20 + 1 Jahren nie gewesen. Immer passierte etwas Unerwartetes und hinter der rot-weißen Fassade steckte schon immer mehr Arbeit, als es nach außen sichtbar war. Das AWO Fanprojekt Essen feiert Jubiläum und blickt auf 20 + 1 Jahre zurück. Dass zu diesem eher unrunden Anlass gefeiert wird, hat eigentlich zwei Gründe. Zum einen wurde vor 10 Jahren schon der 10 + 1. Geburtstag gefeiert, zum anderen stand 2016 der Umzug der heimatlichen „Melches Hütte“ vom Container am Stadion zum festen Quartier an der Lehrstraße 1 an. Grund genug, jetzt zu feiern.
Das Fanprojekt hat gerade in den ersten Jahren eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. An der Gründung 1996 beteiligt waren viele Väter und Mütter. So hoben Rot Weiss Essen, das Fanprojekt Dortmund, das Arbeitsamt Essen, die Sport- und Bäderbetriebe Essen, die Polizei Essen und die Sportjugend Essen das „Kind aus der Taufe.
Erstes Ziel war es, ganz spezielle Fan-Gruppen wie „Kutten“, „Hools“ und unorganisierte Fan-Clubs zu erreichen und deren Vertrauen zu gewinnen. Konsens aller ähnlich gelagerter Projekt, die in dieser Zeit in ganz Deutschland entstanden, war es, mit Mitteln der Pädagogik und Sozialarbeit das Gewaltpotenzial von Fußballfans zu vermindern und in der Öffentlichkeit mehr Verständnis für diese Gruppen zu wecken. Ein Ansatz, der grundsätzlich noch heute Gültigkeit hat. Wichtig war und ist immer das Prinzip der kooperativen Kommunikation vor einer rein repressiven Haltung aller Beteiligten. Der auf gegenseitigem Respekt beruhende Zugang des AWO Fan-Projekts in die verschiedenen Gruppen ist enorm wichtig. Ganz entscheidend ist es, in Kontakt zu kommen und nachhaltig Vertrauen aufzubauen.
Seit den Anfangstagen des Essener Projektes dabei ist der Sozialarbeiter Roland Sauskat. Er hat nicht nur alle Höhen und Tiefen der Rot-Weissen, sondern natürlich auch die Entwicklungen des Fanprojektes erlebt. Da sind schon allein die Umzüge vom anfänglichen Büro in der alten Tribüne über verschiedene Container-Lösungen bis jetzt zu den festen Räumen einer ehemaligen Gaststätte an der Lehrstraße 1. Auch die AWO als Träger kam erst 2001 mit ins Boot und gab entscheidende Impulse für die Arbeit des heute dreiköpfigen Fanprojekt-Teams. Neben Roland Sauskat sind noch Claudia Wilhelm und seit April 2015 Matthias Schulz erste Ansprechpartner für die Fans.
Natürlich sind alle drei Rot-Weisse, natürlich sind sie mit der aktuellen vierten Liga nicht zufrieden – aber in erster Linie sind sie Sozialarbeiter.
„Es mag für Unbeteiligte vielleicht so aussehen, als wären wir nur für die Unterhaltung der Fans zuständig. Das ist falsch! Wir betreiben hier klassische Sozialarbeit nach den gesetzlichen Vorgaben der Kinder- und Jugendhilfe. Das ist klar im Sozialgesetzbuch VIII definiert. Viele Fans tragen ein Bündel von Problemen mit sich herum, die es ihnen schwermachen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Da helfen wir - den Fans und damit auch der Gesellschaft“, fasst Roland Sauskat die Arbeit des AWO-Fanprojektes Essen zusammen.
Und so ein Konzept ist extrem vielschichtig. Das reicht von der Begleitung eines ängstlichen Jugendlichen zum Zahnarzt bis zu Exkursionen ganzer Fangruppen zu KZ-Gedenkstätten. Da wird die Kreativität bei Fotokursen gefördert, da nimmt man an theaterpädagogischen Programmen teil. Der friedliche Kontakt zu Fans anderer Mannschaften, die Treffen mit internationalen Gruppen, die Kontakte zu Schulen, allein schon die Aufzählung einiger Arbeitsschwerpunkte zeigt den weiten Rahmen des AWO-Fanprojektes auf. Die Fans treten oft auch selbst gegen den Ball. Essener Fanprojekt-Teams nahmen schon an internationalen Turnieren teil und kickten auch gegen eine Mannschaft der JVA Gelsenkirchen - die selbstverständlich Heimrecht hatte.
Zum Aufgabenspektrum gehört natürlich auch die Verbandsarbeit, denn die deutschen Fanprojekte, davon einige auch in AWO-Trägerschaft, treffen sich zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch.
Selbstverständlich wurde Inklusion beim Fanprojekt schon gelebt, bevor dieser Begriff zum Allgemeingut wurde. So findet traditionell am letzten Heimspieltag eine gemeinsame Aktion behinderten Sportlern statt. Die Rollstuhl-Basketballer der „Hot Rolling Bears“ waren unter anderem Partner beim Integrationstag.
Integrativ ist auch eines der Saison-Highlights. Am Schüler-Fußball-Turnier „Kick Racism out“ wird nicht nur friedliche Internationalität gelebt, beim Jubiläumsturnier zum 10. Geburtstag der Aktion, spielten auch Teams aus dem Franz-Sales-Haus mit.
Das AWO Fanprojekt Essen kann der RWE-Mannschaft beim Weg in die erste Bundesliga zwar nicht helfen, aber manchem Fan wurde schon der richtige Weg zu einem Platz in der Gesellschaft gezeigt.

26. Januar 2017